Hannoversche Frauen gegen den Faschismus 1933 - 1945 |
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"Alle Achtung liebe Liesel, da hätte mancher die Hosen voll gemacht"Liesel KrämerLiesel Krämer kam als 34-jährige Frau im Frühjahr 1932 nach Hannover, als ihr Mann als Bezirksleiter der KPD Niedersachsen in Hannover tätig wurde. Wer war sie, wie lebte sie, was dachte und tat sie? Schwer nur lassen sich diese Fragen klären. Liesel wohnte in Linden und ihrer alltäglichen Arbeit, ihrem Mut und Durchhaltevermögen ist es zu danken, daß ihr Mann seine schwierige Arbeit kurz vor der Machtergreifung und in den ersten Terrormonaten der faschistischen Herrschaft überhaupt ausüben konnte. Liesel hat Hannover im Herbst 33 schon wieder verlassen - ohne ihren Mann, den die Faschisten gefangen hielten. Walter Krämer hat sein politisches Engagement mit dem Leben bezahlt. Liesel überlebte die Zeit und blieb auch weiterhin politisch aktiv. Wir meinen, daß sie trotz ihres kurzen Aufenthalts in Hannover in unserer Broschüre zu Wort kommen soll. Den nachstehenden Bericht drucken wir mit freundlicher Genehmigung und leichten Änderungen aus der vom Kreisvorstand der VVN/BdA Goslar herausgegebenen Broschüre "Antifaschisten berichten aus ihrem Leben" ab. Ihr bittet um meine Lebensgeschichte, es könnte eine sehr lange Epistel werden, ich will daher versuchen, mich möglichst kurz zu fassen. Da meine Lebensgeschichte zu eng mit dem Leben meines im KZ Buchenwald ermordeten Mannes Walter Krämer verbunden ist, schreibe ich über uns beide. Walter wurde am 21.06.1892 in Siegen in Westfalen als Sohn des Lokomotivführers Wilhelm Krämer geboren, ich am 06.09.1897 als Tochter des Arbeiters Friedrich Lehmann, ebenfalls in Siegen. Im Jahre 1921 lernten wir beide uns in Siegen kennen. Beide hatten wir schon viel Schweres erlebt. Mein Vater war in dieser Zeit im Betriebsrat (Bahnhof Siegen), der Deutschen Reichsbahn. Walter hatte 1919 einen erfolgreichen Eisenbahnerstreik geführt und kannte meinen Vater dadurch sehr gut. Walters Leben war bis dahin schon sehr bewegt verlaufen. Nach dem Besuch der Volksschule erlernte er das Schlosserhandwerk. Dann meldete er sich 19-jährig (1911) freiwillig zur Armee, er wollte einmal Deckoffizier werden. Von seinem deutschnationalen Vater und der sehr christlich eingestellten Mutter erfuhr er volle Unterstützung in seinem Idealismus. Für Kaiser, König und Vaterland wollte er leben und sterben, ach wie bald mußte er erkennen, was es mit diesen Idealen auf sich hatte. Er war ein Mensch, der kein Unrecht litt und weil Walter dagegen rebellierte, brachte ihm dies am Schluß seiner dreijährigen Ausbildungszeit und des darauffolgenden Krieges 1914 - 1918 wegen Meuterei vier Jahre Festungshaft in Siegburg ein. Ein Jahr mußte er dort verbringen, da brach die Revolution aus und die Leute wurden frei. Seine Ankunft zu Hause war nicht gerade erfreulich, seine Mutter empfing Walter nach all den vielen Jahren mit den Worten "und Du, Du bist auch einer von denen, die Schuld daran sind, daß unser armer Kaiser und die Kaiserin flüchten mußten." Walter arbeitete dann in Siegen in der Eisenbahn-Betriebswerkstätte. Nach der Streikgeschichte verlor er seine Arbeitstätte und nahm aktiv im Ruhrgebiet am Kapp-Putsch teil. Nachdem eine zeitlang unstet und flüchtig, Düsseldorf, Hamburg usw. - man suchte ihn. Im Jahre 1921 kam Walter durch den Tod seiner Mutter zurück ins Siegerland. Ich hatte inzwischen den Krieg über als Kartonagenarbeiterin gearbeitet und mich schlecht und recht durch die Jahre gehungert, ein Jahr lang krank (Bauchfellentzündung). Sechs Wochen nach dem Tode seiner Mutter lernte ich Walter kennen und erfuhr so von seinem Schicksal. Wir beide gingen noch im selben Jahr in die KPD. Walter gehörte bis dahin der USPD an. Unsere Partei war damals noch klein und wir waren beide aktiv tätig. Sehr bald wurde es anders, im Jahre 1923 stand unser Bezirk hiermit an der Spitze. Walter war lange Zeit arbeitslos, er fand und bekam keine Arbeit, eine kurze Zeit nur und dann war es aus. Obwohl die besten Zeugnisse, die stellte man ihm gerne aus, war er doch ein überaus tüchtiger Facharbeiter. Die schwarze Liste war aber stärker als er. Da habe ich eben weiter gesorgt und in meinem Betrieb weiter gearbeitet. Es ging gut weiter, zumal wir bei meinen Eltern wohnen konnten, nachdem wir im September 1923 geheiratet hatten. Es blieb Walter also viel Zeit zur Parteiarbeit. Bis im Herbst des Jahres 1923, als Walter und viele unserer Freunde verhaftet und unter die Anklage des Hochverrats gestellt wurden. Nach zweijähriger Untersuchungshaft, die Walter z. T. in Siegen, Arnsberg und Hagen verbringen mußte (Einzelhaft), wurde er zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Ein Jahr Untersuchungshaft wurde nur angerechnet. Im Zusammenhang damit wurde ich zu einer Geldstrafe wegen unbefugten Waffenbesitzes verurteilt. Da habe ich selbstverständlich für meinen Mann alles getan, was getan werden konnte, habe ihm ermöglicht, seine Kleider und Wäsche zu tragen, so lange es ging, habe ihn regelmäßig besucht, Bücher usw. besorgt. Mein Verdienst in der Kartonaqe reichte so eben hin, ich hatte es mittlerweile so weit gebracht, daß ich als Zuschneiderin tätig war und auch demnach bezahlt wurde, aber dafür auch den Staub der Pappe aus erster Hand in die Lungen bekam. Doch da die Arbeit sehr ungesund war, mußte ich 1925 nach Lippspringe auf einige Monate in die Lungenheiltätte. Das war für Walter das Schlimmste, er wollte alles gern ertragen, wenn ich nur gesund blieb, quälte es ihn doch am allermeisten, daß ich überhaupt so arbeiten mußte. Es war eine Männerarbeit. Walter hat dann die letzten Jahre im Gefängnis in Cottbus zugebracht. Dort hatten unsere Gefangenen verhältnismäßig viel Freiheit. Mit meiner Hilfe von draußen (ich bekam immer sehr gute Instruktionen von Walter durch dritte Hand) war es möglich, daß die Frauen beim Besuch ihre Männer allein sprechen durften. So durften sie kochen, von Zelle zu Zelle gehen. Für uns haben wir das Alleinsein grundsätzlich nicht in Anspruch genommen. Walter hatte da so eigene Ansichten, ich sollte nicht Spießruten laufen den Wachtmeistern gegenüber. Na, es war schon viel erreicht worden. Nachdem ich draußen einen Hungerstreik erfolgreich durchgeführt hatte und sich die Ärzte einschalteten, erhielt Walter einen mehrwöchigen Urlaub. Rechtsanwalt Dr. Horstmann, Düsseldorf (leider auch in der Emigration gestorben) brachte es fertig, daß der Urlaub verlängert wurde und in dieser Zeit ging Walter daran, hier in Siegen eine Rote-Hilfe-Organisation aufzubauen, wie es wohl besser keine im ganzen Bezirk gab. Dann mußte er wieder nach Cottbus zurück, einige Monate, und Rechtsanwalt Horstmann brachte es fertig (ich war seelisch krank und körperlich), daß Walter 1927 erneut zurückkam. Die Partei schickte ihn gleich als U. B. Sekretär an den linken Niederrhein (Krefeld). Kurz darauf wurde Walter die Reststrafe durch die Hindenburgamnestie erlassen. Nachdem Walter den Bezirk schön aufgebaut hatte, ging es 1929 nach Wuppertal-Barmen, dann kam es wieder zu einem Prozeß gegen 19 Angeklagte der KPD. Walter erhielt neun Monate Gefängnis, ich 15 Tage Haft oder 150 Mark Geldstrafe. Habe natürlich die 15 Tage im Gefängnis Wuppertal Bendahl abgebrummt. (Das Geld war bei uns immer knapp und ich hatte Zeit, ich war ohne Walters Wissen eines Tages mit einer Aktentasche und der Vorladung losgezogen und Walter hatte abends bei seiner Heimkehr nach Lesen meiner zurückgelassenen Zeilen wohl ein erstauntes Gesicht gemacht). Aber reden wir nicht von den 15 Tagen. 1931 mußten wir nach Kassel, wo Walter Bezirksleiter wurde. Dann sollte er die neun Monate absitzen. Man brauchte ihn aber und wir gingen nach Berlin in die Illegalität, woselbst Walter dann in den Preußischen Landtag gewählt und somit legal wurde. In der Zwischenzeit war Walter im Karl-Liebknecht-Haus in Berlin tätig, und oft draußen in den anderen Bezirken. Von Berlin ging es dann nach Hannover, wo Walter als Nachfolger von John Schehr weiter als Bezirksleiter für Niedersachsen tätig war - Bis zu jenem 28. Februar 1933, als es den Naziverbrechern endlich gelungen war, durch den in Szene gesetzten Reichstagsbrand und so vielem anderen, die Straße und alles andere zu beherrschen. Da wurde Walter verhaftet und das, was dann kam, das war wohl das Allerschlimmste in seinem Leben. Was ist da von mir noch zu sagen. Ich saß in einer Wohnung, die wir gekündigt hatten, wollte den 15.3. ausziehen. Am 1.3. bekam ich kein Geld mehr. Wie ich alles bewerkstelligt habe, die Möbel - es waren nicht allzuviel - nach Siegen transportieren zu lassen, mich noch ein halbes Jahr mühsam in Hannover durchzuschlagen. Ich wollte nicht aus Walters Nähe und habe ihm in der Zeit noch unendlich vieles tun können. Er schreibt einmal: "Alle Achtung, liebe Liesel, da hätten manche die Hosen voll gemacht." Die "Rote Fahne" (im Kleinformat), Bücher usw. ins Gefängnis hineingeschmuggelt. Ja, wie ich das alles fertiggebracht habe, ich weiß es nicht mehr. Mein Gesundheitszustand wurde dann so schlecht, ich hatte durch den Hunger, das Leid, fast 30 Pfund abgenommen. Walter empfahl mir, in die Heimat zurückzufahren. Walter saß wiederum zwei Jahre in Untersuchungshaft, von Hannover kam er mal einige Monate nach Hameln (Weser). Dort hat man ihn schlimmer behandelt als einen Schwerverbrecher, ich kannte ihn beim Besuch kaum wieder, vollkommen entkräftet, voller Furunkeln. Man hat Walter dort furchtbar mißhandelt. Zwei Zellen hatte er, eine um zu arbeiten, die andere zum schlafen. Eine kalte Zelle mit einem Betonklotz, vollkommen entkleidet hat er dort schlafen sollen und es war damals ein harter Winter. Später überführte man Walter wieder nach Hannover, Gefängnis Leonhardtstraße. Zu nur drei Jahren Gefängnis verurteilte ihn dann der Volksgerichtshof, ein Jahr Untersuchung wurde nur angerechnet. Der "Völkische Beobachter" kritisierte die damaligen Urteile an Max Lademann, Walter Krämer und anderen, indem man dem Volksgerichtshof unterstellte, seine Aufgabe noch nicht restlos begriffen zu haben, indem man Kommunisten nur zu solch niedrigen Strafen verurteilte. Die Strafen waren dem sehr tapferen und unerschrockenen Auftreten der Angeklagten (Hochverrat) nicht zum wenigsten zu verdanken. Nach Verbüßung dieser Strafe fuhr ich nach Hannover, um Walter abzuholen. Dort wurde mir vom Direktor der Strafanstalt mitgeteilt, daß mein Mann nur noch bis 12 Uhr Mittag Gefangener sei und dann verfüge die Gestapo über ihn. Ich konnte aber meinen Mann sehen und sprechen, er war sich wohl schon im klaren über alles Kommende. Zwei Tage vorher hatte Walter mit einigen Gestapoleuten aus Berlin und Hannover eine Unterredung gehabt. Diese teilte er mir auf einem Kassiber mit. Es gelang mir, den schmalen Zettel mit hinaus zu bekommen, trotzdem ich anschließend noch von der Gestapo darüber informiert wurde, daß mein Mann vorübergehend in ein sogenanntes Umschulungslager käme. Leider habe ich den Zettel durch Bombeneinwirkung verloren, doch hat sich der Inhalt für alle Zeiten eingeprägt. Da schreibt Walter auf den Rand einer Zeitung u. a. folgendes: "Es wurde mir gesagt, daß, wenn ich in Form von Memoiren alles niederschreibe was ich im Verlaufe meiner politischen Tätigkeit erlebt und getan habe und dabei genau skizzierte jeden mir in allen Einzelheiten bekannt gewordenen Funktionär, dann würde ich evtl. entlassen. Worauf ich ihm erwiderte, daß ich lieber tot als ehrlos sein wollte, wurde mir in einem nicht wiederzugebenden zynischem Ton erklärt, daß ich dann im Lager, wenn ich über den Bock käme und mir der A... anschwelle und aufplatze, schon auspacken würde usw. Dies, was ich hier schreibe, ist die lautere Wahrheit, denn in der Situation, in der ich mich befinde, verfliegen alle Phrasen." So geschrieben, so unterstrichen und auch so geschehen, aber nichts und auch gar nichts hat meinen Mann, Walter Krämer, seine tapfere Gesinnung im Kampf um die Befreiung der Arbeiterklasse, im Kampf gegen Faschismus und Verbrechertum entmutigen können, sein Glaube und sein Wahlspruch waren bis zum letzten die Worte: "Unser die Zukunft, trotz alledem!" Das sogenannte "Umschulungslager" war nach Hannover eine kurze Zeit in Prettin, in Torgau, von da aus, einer der Ersten, kam Walter nach Buchenwald. Über Buchenwald und Walters Erleben dort wissen viele seiner Mithäftlinge, die 1945 befreit wurden, genau Bescheid und im übrigen möchte ich auf einige Bücher, die später geschrieben wurden, z. B. von Eugen Kogon "Der SS-Staat", von Walter Koller "Arztschreiber von Buchenwald" hinweisen und ich glaube und weiß, Walter ist bis zu seinem bitteren Ende der Kämpfer geblieben, der er immer war. Er wurde am 06.11.1941 meuchlings durch SS-Banditen in Hahndorf im Landkreis Goslar auf Befehl des damaligen Lagerkomandanten Koch hinterrücks erschossen, dann im Lager Buchenwald verbrannt und ich erhielt die Nachricht "Auf der Flucht erschossen ...". Mir dankte mein Mann bis zum Letzten in all seinen Briefen immer wieder für meine treue Kameradschaft und mir galt seine ganze große Sorge. Mein Leben bestand dann nur aus Leid, Sorgen und Arbeit, Gestapobesuche am laufenden Band. Mein Vater starb an einer Herzmuskellähmung, das Herz ist ihm hauptsächlich gebrochen, nachdem ich Walter damals in Hameln besucht hatte und eine so schlechte Nachricht mit nach Hause brachte. Seine letzten Worte waren: "Der arme Walter". Ich war noch keine Stunde zu Hause, da war mein Vater schon tot. Bis zuletzt wurden bei meinen Eltern und bei mir öfters Haussuchungen veranstaltet, Besucher wurden bei uns festgenommen usw. Ja, die Trauerkarten, die nach dem Tode meines Mannes bei mir ankamen, wurden in meiner Wohnung von der Gestapo eingesehen. So geschehen in der Naziverbrecherherrschaft und 1959 interessierte sich die örtliche Polizei mal wieder sehr für mich und angeblich sei eine Anfrage aus Hamburg da, die gern wissen wollten, warum ich den seinerzeit veröffentlichten Aufruf gegen Krieg, gegen Atom usw. zusammen mit mehreren Kameraden unterschrieben habe. Ich sagte dem Polizisten, er solle nach Bonn und nicht nach Hamburg melden, daß ich das aus voller Überzeugung unterschrieben habe und auch zu jeder Zeit wieder tun würde. So, liebe Kameraden, nun bin ich ja wieder viel zu weit gegangen mit dem Schreiben, ich war mal wieder in der Vergangenheit, die doch sehr lebendig in mir ist, denn das war mein Leben und ich bin sehr stolz, die Frau und Kameradin eines Menschen, eines Kämpfers wie mein Mann, Walter Krämer einer war, gewesen zu sein. Liesel Krämer |
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VVN/BdA Hannover