Die Heldin von Auschwitz

Orli Wald-Reichert

Unter diesem Namen ist Orli, eigentlich Aurelia, international bekannt — bei ihren Mithäftlingen aus Auschwitz, in der Literatur, in polnischen Museen ...

Der Brief von der Schwedin Margareta Glas, einer ehemaligen Auschwitz-Inhaftierten, zum Tode von Orli 1962 war für uns der erste Hinweis auf den „Engel von Auschwitz”, wie Orli auch genannt wurde:

„Ich habe Orli Reichert das erste mal im Mai 1943 im Krankenhaus Birkenau-Auschwitz getroffen. Sie war damals Lagerälteste und bereits acht Jahre in Haft. In diesem ärgsten aller Vernichtungslager hat Orli, mutig und selbstlos, gegen SS und die verschiedenen Lagerärzte (an ihrer Spitze Dr. Mengele) um das Leben und besonders um das Leben jüdischer Häftlinge gekämpft.

Diese empfindsame und mädchenhafte Frau, ausgestattet mit einer überragenden Intelligenz, hat uns durch ihr Dasein, durch ihren unablässigen Kampf die Kraft gegeben, diese Hölle psychisch und, wenn wir das Glück hatten, auch physisch durchzustehen. Meinem Mann und mir hat sie das Leben gerettet. Mein Mann, der nur ein Bein hatte, wäre ohne ihre Intervention und ihren Einsatz unbedingt ein Opfer der Gaskammern geworden.

Ich war innig mit Orli befreundet. Nie hätte sie sich in ihrem Selbsterhaltungstrieb — wie verständlicherweise so viele andere — um das Essen geschlagen. Sie war eine kämpfende Idealistin. Ich denke oft an ihren Ausspruch: ‘Ich kann diese traurigen großen Augen der jüdischen Mädchen nicht ertragen. Ich muß so viele dieser jungen Mädchen retten, wie ich nur kann.’

Unsere jüdische Häftlingsärztin Ena Weiß hat sie buchstäblich von dem Auto, das zu der Gaskammer fuhr, heruntergeholt. Eines Tages rief der Lagerarzt Orli zu sich, ‘Reichert, Ihre Entlassung ist beantragt worden. In ein paar Tagen sind Sie frei.’ Nach diesem Gespräch gingen Orli und ich über die Lagerstraße. Sie weinte sehr und sagt, daß sie nicht entlassen werden wolle. ‘Was soll mit Euch allen geschehen. Meine Aufgabe ist es, weiter zu kämpfen, das kostbare Leben meiner Schwestern zu retten.’ Orli wurde nicht entlassen. Sie wäre der SS in der Freiheit zu gefährlich gewesen.

Orli hat 1945 zwar den Todesmarsch von Auschwitz nach Ravensbrück überlebt, aber sie konnte die Freiheit nicht überleben. Als ich sie im vergangenen Jahr bereits todkrank zum letzten Male in Hannover sah, waren ihre Abschiedsworte: ‘Ich kann Auschwitz nicht vergessen. Ich sehe noch immer die brennenden Kamine und die Kinder, die in das offene Feuer geworfen werden. Ich habe vergebens gekämpft, und ich kann in der heutigen Zeit nicht mehr weiterkämpfen. Wofür lebe ich noch?’

Der auf Orli geprägte Beiname ‘Heldin von Auschwitz’ wird uns immer im Gedächtnis bleiben.”

Sollte diese international anerkannte Frau, die selbst solche Menschenvernichtungsanlagen wie Auschwitz erlebt und überlebt hat, in Hannover auch unter Antifaschisten völlig unbekannt geblieben sein?

Wir hatten noch eine ganze Menge Fragen: Warum ist Orli nach Hannover gekommen? Warum war Orli im KZ Auschwitz: Wurde sie aus politischen, rassischen oder aus anderen Gründen verfolgt? Sie hat im KZ ihren Möglichkeiten entsprechend gegen die SS um das Leben der ihr anvertrauten Menschen gekämpft. Hat sie auch vor ihrer Inhaftierung Widerstand gegen die Nazis geleistet?

Wir stellten Nachforschungen an. Nach und nach wurde das Bild, das Leben dieser Frau für uns nachvollziehbar, wenn auch nur lückenhaft und fragmentarisch. Da wir keinen befragen konnten, dem Orli persönlich bekannt gewesen ist, stehen im Folgenden die Daten und Fakten im Vordergrund.

Orli wurde 1914 als Aurelia Torgau geboren und stammt aus Trier. Sie war dort Mitglied im KJVD (Kommunistischer Jugendverband Deutschland). Nach der faschistischen Machtübernahme gehörte sie mit zu dem Kreis der illegal weiter gegen die Nazis kämpfenden Kommunisten. Für diese Tätigkeit haben wir als Quelle nur die Anklageschrift, die ihr u. a. Kurierdienste für illegales Material „vorwirft”. 1935 heiratete sie den Bauarbeiter Fried. Wilh. Reichert. 1936 wurde Orli im Alter von 22 Jahren vom 5. Strafsenat des Oberlandesgerichtes in Hamm (Westf.) zu 4 ½ Jahren Zuchthaus verurteilt. „Die Angeklagten sind eines hochverräterischen Unternehmens schuldig”, heißt es in der Anklageschrift. Im gleichen Prozeß verurteilte man auch ihre beiden Brüder, Willi und Fritz Torgau zu je sieben Jahren, ihren Schwager zu zehn Jahren Zuchthaus.

Ihre Haftzeit

Die Haft verbüßte Orli im Zuchthaus Ziegenhain bei Kassel. Aus einer handschriftlichen Eintragung im Heiratsregister von Trier geht hervor, daß ihre bestehende Ehe kurz vor ihrer Entlassung im Oktober 1939 vom Landesgericht Trier geschieden wurde. Was waren die Gründe dafür? Wie ist Orli damit fertig geworden?

Nach Verbüßen ihrer 4 ½ Jahre Haft wurde sie nicht entlassen, sondern in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück gebracht. Nach Auskunft des Staatlichen Auschwitz-Museums in Polen kam Orli von dort im März 1942 mit dem 1. Frauentransport aus Ravensbrück in das Frauenlager in Auschwitz. Ihre dortige Häftlingsnummer war 502.

Im Herbst 1942 kam sie ins Auschwitzer Nebenlager Birkenau, auch Auschwitz II genannt. Dort wurde sie ein Jahr später Lagerälteste im Häftlingskrankenbau (HKB) und hatte damit überhaupt erst die Möglichkeit für ihre aufopferungsvolle Tätigkeit, die ihr den Namen „Heldin von Auschwitz” einbrachte. Der Brief von Margareta Glas aus Schweden gibt darüber wohl am aufschlußreichsten Auskunft.

Doch Orlis Befugnisse waren begrenzt, wie folgende, von ihr selbst verfaßte Erzählung zeigt:

Orli Wald-Reichert

Das Taschentuch

«Hör auf zu verbinden», sagt hinter mir eine Stimme. Die Stimme ist mir bekannt, und ich bin seit langem gewohnt, von ihr Befehle entgegenzunehmen. Schnell befestige ich das Ende des Fußverbandes, den ich soeben angelegt habe, und erhebe mich aus meiner Hockstellung. Vor mir steht ein Unterscharführer der SS. Seit drei Monaten beaufsichtigt er unsere Arbeiten im Häftlingskrankenbau. — «Ohne mich hat hier nichts zu geschehen, verstanden?» Mit diesem Satz hat er sich vor drei Monaten bei uns eingeführt, und er wiederholt ihn täglich.

Nun, da ich mich zu ihm herumdrehe, sehe ich, er ist nicht allein. Neben ihm steht eine Frau — sie ist noch jung. Dunkle, kluge Augen schauen mich prüfend und unsicher an. An ihrer Hand hält sie ein kleines, etwa fünfjähriges Mädchen.

Es ist ein entzückendes Kind. Ein süßes kleines Näschen in einem blassen, zarten Gesicht, darunter ein halbgeöffneter, roter Kindermund. Große blaue Augen und goldblonde Locken.

Ernst und ohne Bewegung steht sie neben der Mutter. Ich halte ihr meine Hand hin und frage: «Wie heißt du?» Ihr Köpfchen dreht sich zu mir hin, ihre Augen blicken mich an. «Christel heiße ich», sagt sie hell und ohne Schüchternheit, doch bleibt sie ohne Bewegung. Die Mutter neigt den Kopf und flüstert ihr etwas zu, da streckt sie zögernd und wie suchend ihr Händchen aus und legt es in meine Hand hinein ... Unsagbar rührend ist die suchende Bewegung dieser kleinen Kinderhand und schmerzhaft steigt ein Gedanke in mir auf. Ich blicke auf die Mutter. «Sie ist blind», sagt sie leise, und ihre Augen sind unendlich traurig.

Stumm und ohne ein Wort zu reden hat der Unterscharführer die Szene beobachtet. Meine Augen begegnen nun den seinen, und ich sehe, daß auch er betroffen ist. Die rührende Zartheit dieses kleinen Mädchens hat auch in seinem Inneren ein längst verschüttetes Empfinden wachgerufen.

«Sie bleibt hier», sagt er nun. «Fieber messen. Verdacht auf Flecktyphus.» Er brüllt nicht wie sonst. Er spricht ruhig und leise.

Die Mutter hat sich zu Christel hingekniet und hält sie in ihren Armen. «Ich möchte auch hierbleiben», sagt sie bittend und ängstlich. «Geht nicht», sagt der Unterscharführer. «Befehl der Lagerführung», brüllt er schon wieder. «Du gehst auf Außenkommando. Raus ...» Verzweifelt schaut die Mutter mich an. Sprechen kann ich jetzt nicht mit ihr, doch meine Augen versuchen ihr zu sagen: «Hab keine Angst, die Kleine wird bei mir bleiben, und ich werde für sie sorgen». Und sie versteht mich, sie schiebt Christel zu mir hin und geht hinaus.

Und nun habe ich da ein kleines blindes Mädchen und bin sehr glücklich darüber. Sie schläft mit mir in einem Bett und ich gewinne schnell ihr Vertrauen. Christel ist ein gutartiges, guterzogenes Kind und sehr klug. Selten bittet sie um etwas, und wenn ich ihr manchmal einen ihrer wenigen Wünsche abschlagen muß, so sagt sie: «Na gut.» Überhaupt ist «Na gut» ihr Lieblingsausspruch, und aus diesem kleinen, roten Kindermund hört es sich reizvoll und seltsam an.

«Bleib bei mir hier sitzen.» — «Ich kann nicht, ich muß arbeiten, Christel.» — «Na gut», sagt sie.

«Kannst du mir mein Taschentuch waschen?» — «Später, Christel!» — «Na gut», ist die Antwort.

Wenn ich sie beim Waschen auf einen Stuhl stelle und die Kameradinnen sie ansprechen, so dreht sie ihr kleines Köpfchen jeder Stimme entgegen. Die für die Kleine typische Bewegung ist unsagbar ergreifend. Wie eine Blume, die jeden Strahl der Sonne auffangen will, so reckt Christel ihr Öhrchen jedem Wort entgegen.

«Bist du eine Frau oder ein Fräulein?» hat sie mich am ersten Tag gefragt, und ihre kleinen Hände haben über mein Gesicht getastet. Sie wollte wissen, ob ich jung oder alt bin.

Die Mutter kommt jeden Tag zu Besuch, am Abend nach der Arbeit. Sie hat mir ihr Schicksal erzählt, und wieder einmal bin ich fassungslos über die sinnlose Grausamkeit der nazistischen Machthaber. Sie selbst ist Polin. Verheiratet mit einem deutschen Offizier, der an der deutschen Front kämpft. Sie weiß seit langem nichts mehr von ihm, und vor ein paar Wochen hat man sie, Christel und ihren kleinen Sohn von acht Jahren verhaftet und hierher nach Auschwitz gebracht. Der kleine Junge ist im Männerlager. «Ich verstehe das alles nicht», sagte sie mir immer wieder, «warum ist das alles so?»

Ihr Gesicht ist von einer stillen eindringlichen Traurigkeit, und nur, wenn Christels Hand sich in die ihrige stiehlt, leuchten ihre Augen auf.

Christel ist auch für mich ein kleines, heimliches Glück in diesem Lager. Mitten in der Arbeit sehe ich ihr zartes Gesichtchen vor mir und freue mich auf die Stunde, wo ich zu ihr eilen kann, und sich ein suchendes Händchen in meine Hand legen wird.

Und dann kommt ein Tag. Ein Tag, den ich nie vergessen kann und der mir heute in Gedanken noch denselben Schmerz bereitet wie damals. Ich sitze bei Christel am Bett, und sie stellt mir tausend Fragen, von denen ich nicht sehr viele beantworten kann. Wenn ich sage: «Ich weiß nicht, Christel», so lacht sie verzeihend und sagt «Na gut». «Du sollst zum Unterscharführer kommen», sagt eine Stimme von der Tür her. Nur ungern trenne ich mich von Christel. Verspreche, bald wiederzukommen und gehe in die Ambulanz. Der Unterscharführer ist allein dort. Ich melde mich, doch er schaut mich nicht an. Stumm, mit den Händen auf dem Rücken, rennt er auf und ab. Ich warte. Plötzlich bleibt er stehen, seine Augen gehen an mir vorbei, und ich sehe in den Augen etwas, was mir plötzlich Angst macht. «Bring die Christel hierher», sagt er verlegen und macht den Versuch zu lächeln, «daß heißt nicht du, sondern eine andere soll sie bringen.» — Ich stehe starr — ich atme tief — ich kann nicht antworten. Auf dem Tisch sehe ich eine 10-ccm-Spritze und eine lange Nadel. Das Todesservice nennen wir Häftlinge diese zwei Dinge. Ich weiß, was es bedeutet, in die Ambulanz gebracht zu werden, wenn diese Dinge auf dem Tisch liegen. Man verläßt sie dann nur auf der Totenbahre. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen — meine zarte kleine Christel und diese lange dicke Nadel. Verwirrt und heftig beginne ich auf den Unterscharführer einzureden. Ich vergesse, wo ich mich befinde. Ich bitte ihn, ich schreie, ich drohe.

«Befehl von Berlin», sagt er stur, «nichts zu machen», und als es ihm zuviel wird, faßt er mich am Arm und stößt mich zur Tür hinaus. «Bring sie sofort», schreit er aufgebracht und böse.

Langsam gehe ich den kurzen Weg zu unserer Baracke. Ich berichte den Kameradinnen, dann gehe ich zu Christel ans Bett. «Du bist schon da!» sagt sie strahlend. Und zum erstenmal bin ich glücklich, daß diese Augen nicht sehen können.

«Ich muß dich jetzt zum Doktor bringen», sage ich ihr. Und jedes Wort, das ich sprechen muß, schmerzt mich. «Wirst du mich tragen?» fragt sie und ist schon aus dem Bett in meine Arme geklettert. Ihre Arme legt sie um meinen Hals und wieder, wie so oft, fühle ich, wie hilflos und voll Vertrauen sie ist.

Langsam gehe ich zur Ambulanz. Behutsam lege ich sie auf den Operationstisch. «Sofort raus mit dir», brüllt der Unterscharführer. Ich höre nichts. Ich küsse Christel — noch ein letztes Mal schaue ich in dieses zarte, reine Kindergesicht, in diese Augen, die schön sind, und noch nie die Sonne sahen.

«Wasch mir mein Taschentuch!» flüstert ihr zartes Stimmchen, und sie steckt mir ihr Taschentuch in meine Hände. — «Kommst du mich nachher holen?» fragt sie mich. «Ich komme», sage ich mit letzter Kraft, und nachdenklich und langsam, so als ob plötzlich ein Schatten über ihr kleines Herz fiele, sagt sie: «Na gut!»

Kleine Christel, ich kann dich nie vergessen. — Als ich dich holen kam, warst du still und kalt. In deiner zarten Kinderbrust war ein kleiner runder Stich, einige Tropfen Blut waren herausgesickert. Das habe ich dir mit deinem Taschentuch, das ich dir noch waschen sollte, abgewischt. Und ich habe dich noch lange in meinen Armen gehalten.

Und jetzt noch oft, mitten im Tageslärm und neuen Leben, höre ich dein süßes Kinderstimmchen: «Na gut».


Dieser Text stammt aus „Auschwitz, Zeugnisse und Dokumente”, hrsg. von H. G. Adler, H. Langbein u. E. Lingens-Rainer, Europäische Verlagsanstalt Frankfurt/M. 1962, S. 133 - 136. Dort wird auch der Hinweis gegeben, daß Orlis Erzählung erstmals in der Zeitung „Thüringer Volk” vom 10.04.1948 publiziert wurde.

Widerstand im Lager

Daß Orli nicht nur isoliert und individuell im Krankenrevier versuchte, für sich und andere das Leben einigermaßen erträglich zu gestalten, sondern auch am organisierten Lagerwiderstand teilnahm, geht aus der Veröffentlichung von Interpress, „Auschwitz”, Warschau 1978 hervor. Das Buch erschien in polnischer, russischer, deutscher, englischer und französischer Sprache und entstand in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Museum in Auschwitz. In dem Kapitel „Widerstandsbewegung im Lager” (S. 144 - 150) werden folgende Fakten genannt:

Ab 1940 entstanden zunächst im Frauen- wie im Männerlager polnische Widerstandsgruppen. Ende 1942 bildeten dann weitere Nationen eigene Widerstandsgruppen. Die Franzosen hatten je eine Widerstandsgruppe von Männern und Frauen, eine belgische Zelle schloß sich später an. Die russische Gruppe war zahlenmäßig stark und sehr aktiv in Auschwitz und Birkenau. Die deutsche Widerstandsgruppe entstand 1943 aus Mitgliedern der KPD, der SPD und anderen Antifaschisten. Sie hatte die größten Erfahrungen im Lagerwiderstand, weil ja deutsche Antifaschisten bereits seit 1933 in den Lagern eingesperrt saßen. Die deutsche arbeitete mit der kleinen, aber aktiven und straff organisierten österreichischen Gruppe zusammen.

Die deutsche Gruppe wurde geleitet von Bruno Baum, zur Frauenwiderstandsgruppe gehörten Orli Reichert, Judith Dürmayer, Gerda Schneider. Beide Gruppen — Männer und Frauen — arbeiteten in Auschwitz, Birkenau, Monowitz.

Die tschechische Gruppe — Männer und Frauen — war tätig in Auschwitz und Birkenau. Die jugoslawische Gruppe war die kleinste und setzte sich vor allem aus Frauen zusammen, die Partisanen gewesen waren.

Die jüdische Gruppe war die am meisten gefährdete, einmal, weil sie am stärksten verfolgt wurde, zum anderen, weil sie die Arbeiter/innen stellen mußte für die Krematorien, Leichenvernichtungen, die Aussortierung der Kleider, Schmuckstücke usw. Sie wagte einen Aufstand im Lager am 07.10.1944, bei dem ein Krematorium zerstört wurde. Der Aufstand endete mit einem blutigen Massaker und der Vernichtung aller Teilnehmer.

Ziel aller Widerstandsgruppen war es, die Häftlinge so zu führen und zu betreuen, daß sie überleben konnten, ihnen möglichst materielle Hilfe zukommen zu lassen, sie vor Vernichtung zu bewahren, Fluchtversuche zu organisieren, Nachrichten nach außen zu bringen, damit die Welt erfahren sollte, was in den Lagern geschah, möglichst die Kinder zu betreuen und zu retten.

Alle Gruppen koordinierten sich im Laufe des Jahres 1943 und nannten die koordinierte Spitze „Kampfgruppe Auschwitz”. Grundorganisation in allen Gruppen waren Zellen.

Ab 1944 organisierte sich auch ein Militärrat auf internationaler Basis zur Bildung besonderer Kampfgruppen.

In der Umgebung aller Lager bauten Partisanen systematisch Widerstandsgruppen auf, um u. a. Flüchtlingen aus den Lagern weiterzuhelfen.

Nach der Befreiung

Im Januar 1945 wurde Auschwitz durch die Rote Armee befreit. Von Margareta Glas wissen wir, daß Orli vorher auf einen der großen Evakuierungsmärsche in Richtung Deutsches Reich gehen mußte.

Wann und wo sie dann befreit wurde, wissen wir nicht. Wegen einer schweren Tuberkulose-Erkrankung, die sie sich noch in den letzten Monaten ihrer Haft im Krankenrevier zugezogen hatte, kam sie nach ihrer Befreiung ins Sanatorium nach Sülzhain. Dort lernte sie wohl ihren zweiten Mann, den Hannoveraner Eduard Wald kennen und ging nach der Heirat mit ihm etwa 1947 nach Hannover. Vermutlich hat sie sich jedoch bereits 1949 wieder von ihm getrennt.

Wie hat sie die furchtbaren Jahre in Auschwitz verkraftet? Was hatte sie für Freunde in Hannover? Konnte sie mit jemandem darüber sprechen? Wollte überhaupt jemand etwas darüber wissen? 1948 wurde „Das Taschentuch” von ihr veröffentlicht. Hat sie noch weitere Geschichten geschrieben? An eine Veröffentlichung war zumindest in der Bundesrepublik in den 50er Jahren wohl nicht zu denken.

Orli Wald-Reichert konnte Auschwitz nicht vergessen. Sie starb im Januar 1962 in Ilten, wo sie vermutlich wegen Depressionen in der Anstalt für psychisch Kranke ihren Lebensabend verbringen mußte. Ihr Grab befindet sich auf dem Stadtfriedhof Engesohde in Hannover.

Vor fast vier Jahren gingen bei der Stadt Hannover die ersten Anträge auf eine Ehrung und Würdigung von Orli Wald-Reichert durch Straßenbenennung o. ä. ein. Walther Uhle, die VVN/BdA Hannover und auch 22 Frauen, die am Internationalen Frauentag im März 1980 auf dem Grab von Orli Blumen niedergelegt hatten, forderten in wiederholten Schreiben die Stadt zu diesem Schritt auf. Doch dort wird wohl noch „geprüft”.

In der Stadt, wo Orli an dem Versuch, Auschwitz zu bewältigen, buchstäblich zugrunde gegangen ist, will auch heute keiner etwas von ihr wissen — fast keiner .

Blumen für „Heldin von Auschwitz”

Zum Internationalen Frauentag

Am Internationalen Frauentag legten Antifaschisten Blumen auf dem Grab von Orli Wald-Reichert auf dem Engesohder Friedhof in Hannover nieder. Damit ehrten sie eine Frau, die im KZ Auschwitz Birkenau Lagerälteste war und mehrere Mitgefangene vor dem Tod in der Gaskammer retten konnte. Wegen ihres selbstlosen Einsatzes für ihre Mithäftlinge wird sie in den Verbänden der ehemaligen Lagerinsassen „Heldin von Auschwitz” genannt.

Als Mitglied des illegalen Kommunistischen Jugendverbandes war sie 1936 verhaftet worden, wurde zu Zuchthaus verurteilt, kam anschließend ins KZ Ravensbrück und wurde 1942 nach Auschwitz überstellt. 1962 starb sie in Hannover an den Folgen der neunjährigen Haft.

Walther Uhle, „die tat”, 14.03.1980


Vielen Dank an das Auschwitz-Museum in Polen, das uns bei unseren Nachforschungen sehr unterstützte!

Da wir auf diese Veröffentlichung über Orli Wald angesprochen wurden, sei an dieser Stelle ausdrücklich auf den Hinweis in der Einleitung zur Einordnung dieses Beitrags hingewiesen, den man über den Link in der rechten Spalte erreicht.
(Es ist oft hilfreich, alles zu lesen.)

Der Name Wald-Reichert wurde aus pragmatischen Gründen verwendet. Während ihrer KZ-Haft trug Orli den Namen Reichert und war folglich unter diesem Namen bekannt. Nach der Befreiung heiratete sie Eduard Wald und trug dann den Namen Wald. Da sie unter diesem Namen aber den ehemaligen Mithäftlingen nicht bekannt war, wurde der Name Wald-Reichert gewählt.

Diese Vermutung war, wie wir heute wissen, nicht zutreffend. Zum Zeitpunkt des Erscheinens der Broschüre gab es entsprechende Gerüchte. Erst nach der Veröffentlichung erhielten wir anders lautende Informationen. Wir verweisen in diesem Zusammenhang noch einmal auf die einleitenden Bemerkungen zu dieser Veröffentlichung, die man über den Link in der rechten Spalte erreicht.
(Es ist oft hilfreich, alles zu lesen.)

Von der VVN/BdA und anderen wurden seit Ende der 1970er Jahre über Jahrzehnte hinweg immer wieder Anträge auf Benennung einer Straße zu Ehren von Orli Wald gestellt. Erst 2007 hatten diese Bemühungen endlich Erfolg: Die Straße am Engesohder Friedhof, auf dem sich Orlis Grab befindet, heißt jetzt Orli-Wald-Allee.

Zum Zeitpunkt des Entstehens der Broschüre, im Jahr 1982!
S. auch die einleitenden Bemerkungen zu dieser Veröffentlichung (Link in der rechten Spalte).

Inzwischen finden regelmäßig Ehrungen durch die Stadt Hannover an ihrem Ehrengrab auf dem Friedhof Engesohde statt.

Orli Wald kam im Januar 1945 mit dem so genannten Todesmarsch in das KZ Ravensbrück. Aus dem Außenlager Malchow gelang ihr im April 1945 die Flucht.
Zur Zeit der Erstellung der Broschüre war das aber aus den zur Verfügung stehenden Quellen nicht in Erfahrung zu bringen.

Fritz Reichert hat (vermutlich) als Angehöriger der SA zu Orlis Verhaftung beigetragen.

Über Orlis Wirken in Ravensbrück gibt es mehrere Berichte niederländischer Frauen.
Näheres findet sich in den einleitenden Bemerkungen zu dieser Veröffentlichung (Link in der rechten Spalte).